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Hospizgruppe Denzlingen

Warum Trauern Zeit braucht und jede Emotion dabei erlaubt ist

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Di, 26. Januar 2021 um 13:00 Uhr

Denzlingen

BZ-Plus Die neue Koordinatorin der Denzlinger Hospizgruppe, Vera Bogards, begleitet Menschen, die um verstorbene Angehörige trauern. Sie wünscht sich, einen offeneren Umgang mit dem Tod.

 

Die Denzlinger Hospizgruppe feiert in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Mit der Freiburgerin Vera Bogards hat sie seit Anfang des Jahres eine neue hauptamtliche Koordinatorin in ihren Reihen. Bogards pflegt Kontakte zu Pflegediensten und Heimen, betreut Mitarbeiter und Auszubildende und kümmert sich um die trauernden Angehörigen von Menschen, die verstorben sind. Sebastian Krüger erklärt sie, wie wichtig die Trauer ist.

BZ: Frau Bogards, wann haben Sie zuletzt um einen Menschen getrauert?
Bogards: Vor etwas mehr als fünf Jahren habe ich meinen Vater verloren, er verstarb an Krebs. Obwohl er schon länger erkrankt war, kam der Tod am Ende relativ plötzlich. Ich hatte ihn sehr intensiv begleitet. Dadurch hat sich mein Verhältnis zum Tod und zum Sterben nachhaltig verändert.

"Wer um einen verstorbenen Menschen trauert, stellt oft existentielle Fragen und hat das Bedürfnis, den Verlust in den Sinn des Lebens einzuordnen."


BZ: Inwiefern?
Bogards: Das ist schwer in Worte zu fassen. Der Tod hat etwas Absolutes, etwas fundamental Beendendes. Das weiß jeder, dennoch ist es etwas anderes, wenn man selbst erlebt, wie sich dieser Verlust anfühlt.


BZ:
 So kamen Sie also zur Hospizarbeit?

Bogards: Nein, ich habe mich auch zuvor schon mit der Hospizarbeit beschäftigt. In meiner bisherigen Tätigkeit als systemische Beraterin habe ich Menschen begleitet, die Trauerfälle zu verarbeiten hatten.

 

Zur Person
Vera Bogards (49) ist seit Januar neue Koordinatorin der Hospizgruppe Denzlingen. Der Verein hat derzeit 16 Mitglieder.
BZ: Was gefällt Ihnen an diesem Beruf?

Bogards: Die Trauer- und Sterbebegleitung ist nicht einfach, aber sie berührt mich. Ich finde es wichtig, dem Umgang mit dem Tod und dem Sterben in unserer Gesellschaft mehr Raum zu geben, denn der Tod verunsichert viele Menschen. Uns fehlt es gewissermaßen an einer Kultur im Umgang mit dem Tod. Wir wissen oft nicht, wie Menschen sterben sollen und wie wir mit einer Situation umgehen sollen, die stark durch Emotionen geprägt ist. Wer um einen verstorbenen Menschen trauert, stellt oft existentielle Fragen und hat das Bedürfnis, den Verlust in den Sinn des Lebens einzuordnen.

"Es ist für viele schwer zu akzeptieren, dass der Tod außerhalb unserer Macht und unserer Verantwortung liegt."


BZ:
 Wie kann dies gelingen?

Bogards: Letzten Endes dreht es sich um die Geschichten, die wir uns selbst erzählen. Am besten ist es, wenn ich mir eine Geschichte erzählen kann, in der ich ja zu mir sage. Das ist nach erlittenen Verlusten sehr schwer, weil Hinterbliebene sich mit Schuldfragen quälen.


BZ:
 Was sind das für Fragen?

Bogards: Viele fragen sich, ob sie etwas hätten anders machen können: Hätte ich einen anderen Arzt konsultieren sollen? Hat der Arzt etwas falsch gemacht? Oder ich? Hätte ich den Tod verhindern können? Gab es noch unausgesprochene Dinge zwischen mir und dem Verstorbenen? Es ist für viele schwer zu akzeptieren, dass der Tod außerhalb unserer Macht und unserer Verantwortung liegt.


BZ:
 Fällt es vielen Menschen schwer zu trauern?

Bogards: Das ist individuell sehr unterschiedlich. Oft fällt es vor allem dem Umfeld schwer, mit trauernden Menschen umzugehen. Freunde setzen Impulse, nach dem Motto: Jetzt muss aber mal gut sein. Das ist verständlich, weil kein Mensch es gerne hat, wenn Freunde traurig sind. Aber es ist wichtig, dass Menschen sich die Zeit zum Trauern nehmen, die sie brauchen. Daher versuche ich, trauernden Menschen zu vermitteln, dass sie auf sich selbst hören müssen.

"Manche suchen Ablenkung durch Sport, andere verspüren eine große Wut. Das ist legitim. Jede Emotion ist erlaubt."

BZ: Welche Tipps geben Sie noch?
Bogards: Das Wichtigste ist, dass man als Trauernder nichts falsch machen kann. Auch die Trauer zu verdrängen, kann eine Zeitlang sinnvoll sein. Manche suchen Ablenkung durch Sport, andere verspüren eine große Wut. Das ist legitim. Jede Emotion ist erlaubt. Gibt es aber Anzeichen, dass Menschen ihren Alltag nicht mehr bewältigt bekommen oder zum Beispiel an Schlaflosigkeit leiden, sollten sie therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.


BZ:
 Was wollen Sie als neue Koordinatorin künftig anders machen?

Bogards: Wir wollen mehr in die Öffentlichkeit gehen und zeigen, wie aktiv die Hospizarbeit in Denzlingen ist. Außerdem planen wir, unsere ehrenamtlichen Sterbebegleiter ab Sommer selbst auszubilden. Darüber hinaus wollen wir noch enger mit den Schulen zusammenarbeiten und verstärkt dort die Hospizarbeit thematisieren.


BZ:
 Wie lässt sich Jugendlichen die Hospizarbeit adäquat vermitteln?

Bogards: Kinder und Jugendliche haben oft schon Erfahrungen mit dem Sterben gemacht. Es ist wichtig, sich mit ihnen auszutauschen, sie zu fragen, wie es für sie war, als die Oma oder der Opa gestorben ist. Ich denke, im Klassenverband lassen sich solche Themen maßvoll und gut ansprechen. Die Kinder müssen sich nur soweit öffnen, wie sie wollen. Natürlich muss man sehr sensibel reagieren, wenn jemand akut trauert.

BZ: Trauern Kinder anders als Erwachsene?
Bogards: Dass kann man so pauschal nicht sagen. Ich habe schon erlebt, dass Kinder sich der Trauer widmen, ohne in ihr zu versinken. Sie bauen Trauer in ihr Spiel ein und schließen früher mit der Trauer ab als Erwachsene – natürlich nur, wenn eine Person gestorben ist, die ihnen nicht zu nahe stand.

Vergangene Veranstaltungen / Berichte :


Sterbende begleiten, Trauernde trösten

 

Von Sebastian Krüger

Di, 21. Juli 2020

Denzlingen

 

Maria Himpele wird zur Vorsitzenden der Hospizgruppe Denzlingen und Umgebung gewählt / Künftig will sie verstärkt Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

 

Der als Verein organisierte Hospizgruppe Denzlingen und Umgebung hat eine neue Vorsitzende gewählt: Maria Himpele übernimmt das Amt ihres Vorgängers Gregor Lumpp, der die vergangenen vier Jahre den Vorsitz inne hatte und altersbedingt aufhören wollte. Irmgard Ganter löst als stellvertretende Vorsitzende Lilo Beha ab.


In den vier Jahren unter Lumpp hat sich der Verein professionalisiert, sagte Himpele. Nachdem zuvor Angela Walter den Verein 20 Jahre lang geleitet hatte, habe der mittlerweile 74-Jährige "festgefahrene Strukturen aufgebrochen" und unter anderem einen hauptamtlichen Koordinator eingestellt. "Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Vorsitzender sich um alles kümmern kann", so Himpele. Lumpps Amtszeit sei aber auch in eine Zeit gefallen, in der die politischen Rahmenbedingungen der Palliativbetreuung grundsätzlich neu gestaltet wurden. So zahlten die Krankenkassen mittlerweile Zuschüsse für jeden Patienten, den der Verein begleitet. "Eine Wahnsinnsverjüngung ist durch den Wechsel im Vorstand jetzt nicht erfolgt", sagt Himpele lachend. "Für berufstätige Menschen mit Familie ist es heutzutage aber auch schwer, einen Verein zu führen", gibt die 70-Jährige zu Bedenken.

Himpele beschäftigt sich seit rund 14 Jahren mit dem Thema Sterbebegleitung. Damals habe der bevorstehende Tod ihres Vaters sie sehr berührt. "Ich habe ihn die letzten drei Wochen seines Lebens intensiv begleitet, oft auch Nachtwache bei ihm gehalten", sagt sie. Damals war die ehemalige Rektorin der früheren Alemannen-Hauptschule noch im Schuldienst, ihr Vater starb allerdings in den Schulferien. "Als er mich fragte, ob ich nicht arbeiten müsse und ich ihm erklärte, dass Ferien sind und ich jetzt für ihn da bin, habe ich gespürt, wie ihn das entlastet hat." In Erinnerung ist ihr geblieben, wie er an einem seiner letzten Tage gefragt hat, ob er als Vater zu streng gewesen sei. "Interessanterweise hat er meinen Bruder das nie gefragt." Obwohl dessen Antwort im Gegensatz zu der versöhnlichen von Maria Himpele wohl anders ausgefallen wäre. Auch als ihre Schwiegermutter starb, war Himpele an deren Seite.

Künftig will sie mit ihrem Verein häufiger an Schulen herantreten, um das Thema Hospiz dort zu institutionalisieren und sich generell wieder mehr in der Öffentlichkeit zeigen, nachdem während der Corona-Krise viele Aktivitäten eingeschlafen seien.

Obwohl es Sterbebegleitern erlaubt gewesen sei, Senioren- und Pflegeheime aufzusuchen, hätte sich ihr Verein, der auch Heime in Gundelfingen, Glottertal, Vörstetten, Reute und Sexau besuche, sehr zurückgehalten. "Wir haben nur fünf oder sechs Menschen in diesem Jahr begleitet", sagt Himpele. In den Jahren zuvor seien es jährlich zwischen 35 und 40 gewesen.

Auch will sie neue Mitglieder anwerben, geeignet seien dafür die in der Vergangenheit stets gut besuchten Stammtische, die in der Regel viermal jährlich stattfinden. Der 14 Mitglieder zählende Verein habe hier zuletzt fünf neue gewinnen können, von denen sich zwei in der Ausbildung zum Sterbebegleiter befanden.

Zudem liegt Maria Himpele das Thema Trauerbegleitung am Herzen. "Unser Fokus liegt darauf, Sterbende zu begleiten, doch wir wollen auch die trauernden Hinterblieben trösten."

 

          Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der BZ vom Di, 21. Juli 2020